Wir Hamburger Referendare bekommen sechs mal Besuch. Je zwei unterrichtspraktische Übungen (upü) in den Fachseminaren und zwei Hospitationen durch die Hauptseminarleitung. Bei den upüs sind die Seminargruppen mit dabei, die Hospitationen macht die Hauptseminarleitung allein. Die Schulleitung ist immer eingeladen.
Donnerstag war dann die erste Hospitation bei mir. Vorher waren unzählige Dinge zu entscheiden und zu planen, dazu sollte ich später mal mehr schreiben. Die Klasse war ein BWL-Kurs kurz vorm Abi, ein sehr netter und leistungsstarker Kurs. Ich mag alle Schüler sehr sehr gern.
Das Semesterthema ist Marketing, wir haben kleine Modellunternehmen, an denen wir eine Marketingstrategie aus Marktforschungsdaten entwickeln, dann absatzpolitische Instrumente finden und abschließend Marketingcontrolling betreiben. Die Schüler mögen das Thema, ich auch. Die Modellunternehmen haben alle innovative Produkte, zB Schuhe, die die Farbe wechseln oder ein Golf Training System. Alle Produkte werden über das Internet vertrieben, also brauchen wir ein Konzept für die Homepages. Das war das Stundenthema: Wir haben uns Internetseiten angeschaut, die ähnlich sind (also Vertrieb eines Produktes oder einer Produktlinie) und daraus eine Copy-Strategie abgeleitet. Die Copy-Strategie wird von Unternehmen entwickelt und für Briefings von Werbeagenturen genutzt, also konnten wir das Rahmenkonzept der Modellunternehmen beibehalten.
Die Planung der Sequenz sah so aus:

Konkret in der Hospitationsstunde hatte ich folgendes geplant:

In der Vorlaufstunde ging einiges schief. Ich hatte ja schon geahnt, dass wir nicht ins Internet kommen, aber dass wir uns nicht mal auf den Notebooks einloggen können, entzog sich meiner Vorstellungskraft. Aber wir sollen ja auch improviseren lernen.
Die Hospitationsstunde selbst lief gut. Die Schüler haben ihre in der Vorlaufstunde erarbeiteten Ergebnisse präsentiert, anschließend haben wir geschaut, welche Copy-Strategie gut gelungen ist und welche nicht. Zum geplanten Transfer ist es nicht gekommen, ich konnte nur noch einen Ausblick auf den Transfer geben.
Ich hatte eigentlich den Plan, meine Qualitäten als Moderator und Diskussionsleiter herauszustellen. In der Stunde war mein Redeanteil dann bei ca. drei Minuten, weil die Schüler alles selbst übernommen haben. Die Präsentationen waren sehr gut, anschließend gab es Diskussionen, so dass wir den Transfer gar nicht mehr geschafft haben. Das war es mir aber wert, weil die Diskussionen sehr wertvoll waren.
In der Nachbesprechung war dies auch mein Hauptpunkt der Reflexion: Schön, dass mich die Seminarleitung besucht, aber was wollen die bei so tollen Schülern schon bei mir sehen? ;-) Bei weniger Schüleraktivität hätte ich mehr eingegriffen. Ansonsten war alles in Ordnung.
Wir werden ja an der Erreichung von Lernzielen gemessen, da war auch alles erreicht:

Das habe ich alles mit den Schülern erreicht. Die Formulierung hat allerdings Nerven gekostet (auch dazu sollte ich mal etwas schreiben).
Kritikpunkte in der Nachbesprechung waren die fehlende Dynamik, die sich aber mit der hohen Schüleraktivität erklären lässt und die Auswertungsphase, die mit anderen Kriterien möglich gewesen wäre. Ja, wäre sie. War aber nicht. Kann ich mit leben. Dass ich nicht durchgekommen bin, wurde nicht kritisiert. Im Gegenteil, es war eine situationsgerechte Änderung meiner Pläne. Ansonsten gab es viele positive Dinge, die mich bestärken, weiterzumachen. Gut war der Satz meines Seminarleiters: “Ich weiß nicht, wie Sie die Schüler auf Ihre Seite ziehen, ich würde gerne Ihr Geheimnis kennen.” Hab ihm dann vom HSV erzählt.
Seltsam war bei mir die Aufregung. Den Tag vor der Hospitation war ich sehr aufgeregt, den Morgen davor auch. Als die Stunde dann begann, war die Aufregung plötzlich weg und ich konnte mich auf den Unterricht konzentrieren. So kann es gern bleiben.
Mund abwischen, auf geht’s.