Besuch im Thalia-Theater: Nathan der Weise

Abgelegt: Deutsch | 11.11.2009

Zum ersten Mal ins Theater. Zumindest mit der Schule.

Die Epoche der Aufklärung läuft bei uns traditionell über den ollen Nathan von Lessing. Und weil die Zeit drückte, habe ich mich auf die Ringparabel beschränkt. Die Klasse hatte trotzdem Lust, sich das Stück im Theater anzusehen.

Meine Überlegung aus Lehrersicht: Nettes Stück, leicht verständlich. Lehrreich. Klassisch. Gut zum Einstieg. Und dann auch noch im Thalia. Die Ankündigung vom Theater und die Rezension im Hamburger Abendblatt waren positiv. Also: auf gehts.

War aber nicht gut. Das Stück war modern interpretiert, was ich an sich nicht schlimm finde. Problematisch war die Einflechtung eines Gegentextes von Elfriede Jelinek, der genau das Gegenteil von Nathan aussagt. Also nicht Toleranz, Freiheit, Offenheit. Sondern Zerstörung, Misstrauen, Abgeschiedenheit. Leider war nicht immer klar, wann nun eigentlich welches Stück gespielt wird und dies hat verwirrt. Dazu kam eine Meta-Ebene: Das Stück war von Lessing nie zur Aufführung bestimmt und dies wurde ebenfalls umgesetzt: Die Schauspieler sprachen ihre Texte größtenteils über Mikrofone und agierten mit Textbüchern. Sie regten sich an manchen Stellen über diesen Text auf und spielten so auf die Rezeptionsgeschichte an.

Wir waren nach dem Stück sehr enttäuscht. Die Schüler hatten eine klassische Aufführung erwartet und haben moderne Interpretationen mit Theater für Profis bekommen. Hoffentlich habe ich sie nicht für das Theater vergrault. Nächster Versuch: “Die Räuber”.

3 Meinungen! Sag was oder setz einen Trackback

  1. Ich gehe selber nicht besonders gerne ins Theater, aber ich glaube, so eine Inszenierung ist mit die liebste, auch wenn sie ein bisschen nach Schulfernsehen riecht. (Da wird der Text auch durch Kluge Sachen unterbrochen.)
    Ich mag Hörspiele lieber, und eine Lesung mit Leutung auf Sitzen ist dann ja so ähnlich.

    Nur das mit dem Jelinke-Gegentext dazwischen, das könnte auch mir missfallen. Ich kenne den Text aber nicht.

  2. Ich glaube, dass eine von den beiden für die verstörenden Dinge vertretbar gewesen wäre. Also entweder die Meta-Ebene über das Schauspiel oder der Text von Jelinek (diesen habe ich online noch nicht gefunden). So war es zu viel.

    Am Wochenende habe ich gelernt, dass es sich um postdramatisches Theater handelt. Ich habe ja keine Ahnung gehabt. Aber es passt zu 100 % und das Stück wurde als Beispiel herangezogen. Werde ich gleich mal erzählen.

  3. Horst Wietelmann

    Komme gerade vom Thalia Nathan.:Ein Chaos von Sätzen,ein Durcheinander von Lessings Traum und Jelineks Alptraumvorstellung,ein
    in der Einführung fast zugespitztes Polarisieren von willigem Geist und schwachem Fleisch,Faschingsköpfen der Religion,übertriebene christliche undifferenzierte Gebets-und Anbetungsvorgänge.Nichts war aktualisiert herausgearbeitet.Das Thema liese sich sehr gut aktualisieren.So war es Klamauk,billig und langweilig.Vielleicht könnte man an Hand der politischen Verknüpfung von Politik und Religion (zugegeben oder verleugnet)den Hass analysieren,der auf mangelnder Achtung,zu wenig Respekt und mangelndem Raumgeben beruht.-Könnte ich mir vorstellen.Bin kein Theatermann

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