Lieber Praxisschock,
morgen lernen wir uns endlich kennen.
Ich habe doch schon so viel von Dir gehört. Schon im ersten Semester im Seminar Didaktik 1 besprachen wir Unterrichtskonzepte und der Prof grinste uns fröhlich an: “Aber überleben Sie erstmal den Praxisschock, dann sehen wir weiter.”
Nun ist es endlich soweit, morgen ist mein erster Tag in der Schule. Ich freue mich auf Dich.
Die spannendste Frage des Tages: An welcher Schule werde ich mein Referendariat absolvieren? Alle warten mit Spannung auf die Mitteilung.
Unser Hauptseminarleiter macht es spannend. Zuerst gibt es eine Menge an Unterlagen und Infos, dann lächelt er und sagt “Ich weiß ja, was Sie am meisten interessiert” und teilt die Zettel aus.
Ich hatte mich schon Monate vorher mit der Frage beschäftigt. Für mich war klar, dass ich an “meine” alte Ausbildungsschule wollte. Dort war ich nicht nur selbst als Berufsschüler, sondern habe dort auch mein Schulpraktikum und einen kleinen Lehrauftrag geleistet. In meiner Examensarbeit beschäftigte ich mich außerdem mit dem dort angesiedelten Ausbildungsberuf. Dazu hatte ich ein sehr positives Gespräch mit dem Schulleiter und der stellvertretenden Schulleiterin. Ergebnis: Ich will an die Schule und die Schule will mich. Abgerundet mit einer elektronischen Bewerbungsmappe konnte da doch nichts mehr schiefgehen.
Beim Blick auf meine Zuweisungszettel dann der Schock: Ich habe eine andere Schule bekommen. Da war die Enttäuschung erstmal groß. Warum?
Aber nagut, so ist es halt. An welcher Schule bin ich stattdessen gelandet? Kurzes Grübeln, was sich hinter der Abkürzung versteckt. Ah! Statt Versicherung als Ausbildungsberuf habe ich nun die Bänker erwischt. Dazu ein Wirtschaftsgymnasium. Weiter im Hinterstübchen gekramt: Die Schule hat einen sehr guten Ruf und “lebt”, ist also keine Aufbewahrungsanstalt. Prima. Zu meiner Wunschschule hätte ich zwar nur zehn Minuten mit dem Rad gebraucht, nun sind es ca. zwanzig. Damit kann ich gut leben.
Trotzdem, warum der Zirkus mit meiner Wunschschule? Wenn es dort schon nicht klappt, hätten sie mir eine Info zukommen lassen können.
Also ein Schreck mit Happy End.